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Dienstag
06Okt2009

ViennaDesignweek09 Konzept

BreadedEscalope präsentiert den Blumenladen „Wildwuchs“ anlässlich der diesjährigen Vienna Design Week in einem neuen Gewand.
Das Projekt, das im Rahmen der Passionswege entstand, verpackt eine kritische Betrachtung unseres Konsumverhaltens in ein amüsantes Rollenspiel. Der Blumenladen verwandelt sich optisch in ein Fastfood
Lokal und bietet seinen Besuchern Lebensmittel- Selbstbausätze in Burgerboxen – Essen, das man sich erst groß ziehen muss- slow food im wahrsten Sinne.
Es entstand ein Konzept, dass auf die Bedürfnisse der Pflanze eingeht, die „unaufhaltsamen Nebeneffekte“ besser kommuniziert und die Problematiken zusammenfassend dem Betrachter verkaufen kann - schmackhaft und nachhaltig.

„Viel und schnell“ oder „Das Geschäft mit der vergänglichen Schönheit“

Pflanzen sind Lebewesen und ein jedes Lebewesen braucht – neben anderen Parametern- vor allem Zeit zum gedeihen. „So gesehen zerstört ein Florist das intakte Lebenssystem einer Pflanze um sie dem Menschen als Schnittblume zu verkaufen. Diese Pflanzen haben, verwendet man sie beispielsweise als Dekoration für eine Hochzeit, eine geringere Halbwertszeit als eine Tageszeitung. Eine unglaublich ineffiziente Nutzung wenn man dabei die vielen Prozesse vom Samen bis zur Tonne berücksichtigt, ganz abgesehen davon dass es sich ja immer noch um ein Lebewesen handelt...“, erklärt Wolfgang Rauber von Wildwuchs. Die Selbstverständlichkeit und unbegrenzte Erhältlichkeit von Waren ist gerade im Lebensmittelsektor zur Gewohnheit geworden. Ob Erdbeeren im Jänner oder Lachsaufschnitt um 23:45 von der Tankstelle. Dieses Bild wurde längst zur Ideologie der Fastfood Ketten.
BreadedEscalope übernimmt dieses Erscheinungsbild und kreiert eine fiktive Fastfood Kette um sie auf das Sortiment eines Blumenladens auszurichten. Die Tätigkeit des Floristen verschmilzt dabei mit der Etikette des Burgerladens und eröffnet durch diese Synergie einen neuen Dritten Weg.
Das Verkaufskonzept mimt die schnelle Küche der Konzerne und präsentiert sich konsumorientiert durchdacht:

Eine eigene Marke, ein starkes Bild mit Wiedererkennungswert, ein Maskottchen.
Von den Verpackungskonzepten, über Menüs, bis hin zu den Produktfotos werden die klassischen Klischees übernommen und verwendet, jedoch unterscheidet sich der Inhalt - das Produkt gravierend.
Verkauft wird ausschließlich Saatgut in liebevoll selektierten Nährbodenmischungen.
Leckere Süßkartoffeln in Sri Lanka Kokoserde, Basilikum auf Waldviertler Heimatboden, oder Kresse im Simmeringer Humusgrund. Verschiedenste Kräuter und Gewürze - alles zum Verzehr gedacht- aber nicht auf Anhieb. Verkauft werden in Wahrheit Patenschaften, Beziehungen, die in absehbarer Zukunft durch die Hingabe und Fürsorge ihrer „Konsumenten“ Früchte tragen werden.
Bis es jedoch soweit ist lädt ein langer Tisch, der sich quer durch das Geschäftlokal zieht zum kennen lernen und Verweilen ein, fördert Interaktion, gewährt ein näher Aneinanderrücken und steht somit im Kontrast zu dem üblichen, isolierenden Einrichtungskonzept eines Fastfood Ladens.
Hier hat man Zeit, nein, hier darf man sich Zeit nehmen. Zeit für sich, Zeit für die Kunst und Zeit für das Rundherum. Dieses setzt sich zum Teil aus den Produkten des bE Studios zusammen, baut aber auch auf neue Konzepte, die sich in der mehrwöchigen Projektphase für den Auftritt zur Vienna Design Week ergeben haben, denn die wahrscheinlich ehrlichste Auslegung des Trendbegriffs Slowfood birgt viele weitere nachhaltige Facetten:

Wolfgang Rauber, der Inhaber des Blumengschäfts hat mit seiner eingangs erwähnten Geschichte über die Halbwertszeit der Schnittblume bereits das Fundament zum Slowfood Laden gestellt- es ergab sich daraus aber auch ein weiterer Ansatz: Was geschieht mit den Pflanzenresten? Im Idealfall wandern
der Pflanzenschnitt, oder die organischen Dekorationsreste in die Komposttonne um den Nährboden für
die nächste Generation des Grünen Guts zu bilden, gewohnheitsgetreu ist dies aber vor allem in der Stadt nicht besonders häufig der Fall.
BreadedEscalope hat Rauber’s Pflanzenreste mit Hilfe von Hitze und Maisstärke schlicht zu Aschenbechern verpresst. In einer Zeit in der das Rauchen ganz offiziell zum Laster geworden ist entstand diese Anwendung selbstverständlich nicht ausschließlich des Rauchens wegen- die Aschenbecher korrespondieren natürlich mit dem Luster aus Moos. Moos besitzt die Eigenschaft Feinstaub anzuziehen wie die Schwerkraft die Herbstblätter. Darüber hinaus ernährt es sich auch noch von den diversen Schwebstoffen. Die Raucher werden wieder gebraucht. Der Laden schenkt auch Ihnen ein Gefühl von Nachhaltigkeit.
Selbst die modische Sparte des Guerilla Gardenings kommt nicht zu kurz, denn neben den Produkten in den Burgerboxen, die von bE unter dem Titel „Grow to-go“ katalogisiert werden, ergab sich auch die „Go to-grow“ Linie. Sie umfasst neben den bekannten „Seed-bombs“ (in diesem Fall „Saatpralinen“) auch das Go to Grow Stäbchen: Jedem Menü wird ein Messbalken mit bereits eingefassten Samen fürs Outdoor- Gärtnern beigegeben. Das Stäbchen kann dann mit dem individuellen Namen der Pflanze beschriftet werden und weitere leere Felder neben der Millimeterskala ermöglichen dem Besitzer wichtige Wachstumsschritte seiner Pflanze zu markieren. Der beschriftete Balken kann vom Kunden an einer geeigneten Stelle im öffentlichen Raum in die Erde gesteckt werden, worauf sich im kommenden Frühjahr ein Trieb bilden soll. Auf subtile Art werden damit eine Auseinandersetzung mit der Pflanze (Wachstum, Veränderung) und eine stärkere emotionale Bindung forciert. Die Intention ist es den persönlichen Betätigungsraum zu erweitern und in die Öffentlichkeit hinaus zu tagen und die
Gesellschaft zu dieser Verantwortung zu ermutigen. Durch Experimente bezüglich des Akts des Verkaufens, sowie der veränderten Verwendung und Verwertung von Pflanzen, versucht bE das Bild eines Blumenladens, des Floristen und seiner Erzeugnisse in eine andere Perspektive zu rücken, um neue Schwerpunkte und Rituale zu schaffen. „Bezieht man als Kunde Schnittblumen, erhält man vergangene Schönheit - eine sterbende Pflanze; Bezieht man jedoch den Pflanzensamen, so ist man von Anfang man in den Lebensprozess als Begleiter und Fürsorger seiner Pflanze involviert.“
Durch das Konzept des Fastfood Lokals wird der Kontext eines Blumenladens erweitert. Dabei steht die Art des Verkaufens, das zu einem Ereignis gemacht wird im Vordergrund. Die Veränderung des Kauferlebnisses setzt einen markanten Doppelpunkt- den erfahrbaren Beginn eines nachhaltigen
Prozesses- den Start eines Lebens. Das Erlebnis dieser Verkaufsituation erreicht auch Leute, die nicht zur eigentlichen Zielgruppe des Blumenladens zählen. Das Konzept soll vor allem auch Kinder ansprechen. Bereits im frühen Alter kann durch diesen entfremdeten Akt der Konsumierung die Sichtweise und die Beziehung zum erworbenen Lebewesen verändert werden. Diese Art der Kontextverschiebung hinterfragt unser Konsumverhalten, das Verhältnis von Konsum und Event, die Aufgabe eines Blumenladens und die Beziehungen zur Pflanzen an sich.

For a green Wien,
Mikel Sascha
Schnabl Martin
Tatschl Michael

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